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Informationen zum härtesten Hundeschlittenrennen der Welt:
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Reportage ueber Sebastian Schnuelle und sein Blue Kennel

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Yukon Quest Reportagen
Von Paul Cech
© Copyright Paul Cech

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Go North - go dog!

Sebastian Schnuelle
Sebastian Schnuelle ist im Yukon ein bekannter Mann. Die langen Haare stehen wie bei Struwwelpeter zu Berge, im Winter hängen die Eisklumpen an seinem Bart. Es gibt keine regionale Zeitung, keine TV-Station, die noch nicht über ihn berichtet hätte. Alles klar. Sebastian ist Musher, Schlittenhundefahrer, 'Rennfahrer'. Ein deutscher Aussteiger, der mit 60 Hunden Mitten im Yukon lebt, Rennen wie das 1600km-lange Yukon Quest fährt - und dazwischen ist er für seine Gaeste da. Gaeste, die lernen wollen, wie es so ist, wenn vorne kraeftige Alaskan Huskies ziehen und man selbst hinten am Schlitten die Einsamkeit der Wildnis kennenlernt.

Sebastian Schnuelle
Es ist ein Abenteuer. Eines der letzten Abenteuer, wenn man nach einem angenehmen Flug mit der 'British Airways' zu Sebastian kommt. Blockhütten. Die Rauchsaeule eines Lagerfeuers steigt empor. Stille. Doch dann beginnen die 60 Hunde zu heulen - wie Woelfe. Eine Begruessung, bei dem es einem kalt über den Ruecken schaudert. So einzigartig. So traumhaft schoen.

Sebastian Schnuelle
Nachdem die Hunde alle einzeln vorgestellt wurden, man alle kurz gestreichelt hat, geht’s in die Huette, wo das Holzfeuer angenehme Waerme verbreitet. Am Sofa liegt Libby, einer der treuesten Hunde. Sie laeuft keine Rennen, keine Touren mehr. Es ist gemütlich, wie in Oma’s Stube.
In der Frueh das gleiche Spiel: Die Hunde heulen - und warten gespannt, wer heute drankommt - wer rennen darf. 'Desire to go', der Drang zu laufen.

Die minus 25 Grad sind sofort vergessen, wenn es darum geht, diese kleinen, eher zarten aber ungemein kraeftigen Tiere vor den Schlitten anzuhängen. Vier Hunde zu Beginn, sechs, wenn man es etwas kann. Und mehr, wenn man bereits 'Profi' ist.

Sebastian erklärt die wichtigsten Regeln, rennt selbst von Gespann zu Gespann - kuemmert sich um alles. Und dann das Kommando: 'Blue!' (das ist der Name des Leithundes, der um Aufmerksamkeit 'gebeten' wird) 'Ready?' (jetzt sind die Hunde voll motiviert, zerren, springen nach vorne - duerfen aber noch nicht laufen) 'Let’s go!!!!!!!' - ab geht die Post! Von Null auf 30km/h in 1 Sekunde. Mit Mueh und Not haelt sich ein Anfaenger am Schlitten fest, ein Fuß voll auf der Bremse, eine metallene Kralle, die tiefe Furchen in den gefrorenen Boden reisst. Und die Hunde ziehen, rennen, rennen und rennen.
Desire to go!

Sebastian Schnuelle
Hinten drauf der Jung-Musher, da oben 'Rookie' genannt. Der Schlitten schlingert, springt über Unebenheiten wie ein Motorboot über Wellen. Die Arme des armen Anfaengers da hinten drauf werden laenger und laenger. Die Finger umklammern den Haltegriff. Bei der Kälte treibt es einem die Traenen aus den Augenwinkeln. Nur wegen der Kaelte? Oder weil es so unvergleichbar schoen ist? Die Hunde ziehen und ziehen und ziehen. Langsam entspannt man sich da hinten. Versucht eine angenehmere Stellung für die Fuesse zu finden. Drei Kilometer sind vorbei. Vier. Fünf. Endlich eine kurze Rast.

Die Hunde fressen Schnee. Einige legen sich kurz nieder. Andere wollen bereits weiter und springen, an der Zugleine angebunden unermüdlich in die Hoeh’. Desire to go.

Schon geht es weiter. Als Anfaenger kämpft man mit der Kondition, klammert sich am Schlitten fest - und sieht vor sich Sebastian, der locker und verkehrt am Schlitten stehend das Treiben hinter sich beobachtet.

15 Kilometer sind um - wir sind zu Hause. Ein Blick auf die Uhr: In Oesterreich waere man bei einem Staatsmeisterschaftslauf nicht letzter geworden - trotz eines Sturzes. Das sind sie also die Alaskan Huskies. Die unglaublichen Hunde, die nichts, aber auch gar nichts mit den europaeischen Schlittenhunden, wie Malamuts oder Samojeden, etc. zu tun haben. Die Alaskans sind Mischlinge aus dem hohen amerikanischen bzw. kanadischen Norden. Hunde, die von Indianern und Eskimos auf Kraft, Ausdauer und dann auf Schnelligkeit gezuechtet wurden. Eher kleine Hunde, von denen kaum einer mehr als 20 Kilo auf die Waage bringt. Hunde, die aber eine Kraft haben, daß sie einen 100-Kilo-Mann, der sie am Halsband haelt, locker umwerfen. Sebastian sagt es professioneller: ' Die Hunde sind verhaltensunauffaellig, robust, schnell und in der Regel sehr klug. Sie haben ein spezielles Haarkleid für die Kaelte und eine hohe Grundgeschwindigkeit.'

Hunde, die.... Ja, das ist eine andere Story.
Mit zwei Trucks, in denen wir insgesamt 26 Hunde verstauten, fuhren wir zum Kusawa-See. Einer jener Seen im Yukon, die hierzulande niemand kennt und der doch 160km lang ist. Raus auf die 'Piste'. Schneewaechten, wie Wellen - dazwischen blaugruenes, blankes Eis. Zwei Meter dick. Ohne uns weiter anzustrengen, schaffen wir 80km in fuenfeinhalb Stunden. Und die Hunde rennen bis zuletzt. Ein kleiner Stop nach ca. 78km - ein 'ready - let’s go!' und sie 'beissen' an, wie in der ersten Minute.

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Desire to go!

Klar doch, sind sie von Sebastian - er ist mittlerweile einer der Organisatoren des 'Yukon Quest Organisations-Kommitees' - gewohnt, auf Long-Trails zu laufen. 200, 300 Meilen und mehr. Da sind unsere 80km nichteinmal ein Tagestraining vor einem solchen Rennen. Und das 'Yukon Quest' kennen sie auch schon. 1600 Kilometer durch die Wildnis - von Fairbanks in Alaska bis Whitehorse im Yukon. Das haerteste Schlittenhunderennen der Welt. Sebastian fuhr 1999 nicht die ganze Distanz - er wollte seine Hunde schonen.

Sebastian Schnuelle
Und Sebastian liebt seine Hunde: Wenn es die Gaeste nicht stoert, dann holt er am Abend ein paar Hunde, die dann als 'Dankeschoen' ein paar Happen vom Tisch bekommen, in seine Cabin. 'Wenn ich einem Hund nicht ein Stueck Fleisch vom Tisch geben kann, dann kann ich auch keine Rennen gehen. Warum soll ein Hund bei minus 40 Grad für mich rennen, wenn ich ihn pruegle und er nicht bei mir schlafen darf? Da zeigt sich dann, was Du für ein Verhaeltnis zu Hunden hast.'

Aber der deutsche Aussteiger mit Universitaets-Bildung fuettert seine 60 Hunde nicht nur vom Tisch - sie bekommen im Winter pro Monat 2,5 Tonnen Futter: Elch-Fleisch, Lachs, Fette. Im Sommer braucht er 'nur' so um die 500 Kilo pro Monat.

Fuettern: Das gehoert bei Sebastian im Yukon dazu. Gehoert zum Programm. Leute, die kommen, und nur auf einen Schlitten warten, daß der 'Sir' aufsteigt - 'Neeee' wuerde der gebuertige Ostfriese sagen. Da heisst es anpacken! Futter zubereiten. Hunde fuettern. Streicheln. Spielen. Das gehoert einfach dazu. Wer da nicht mitmacht, der ist aus dem Spiel draussen.

Sebastian Schnuelle
Aber zurück zum 'desire to go':
Pro Tag legt man - bis auf den ersten Tag - so zwischen 40 und 80km zurück. Und 45km sind es zum 37-Miles-Lake. Nie gehoert? Macht nichts. Der See, den man davor überquert, der hat ueberhaupt keinen Namen.

Eisiger Morgen, wolkenloser Himmel. Die Hunde im 'Blue Kennel' - wie Sebastians Camp heißt - heulen wie gewohnt. Das Fruehstueck mit Speck & Co gehoert ebenfalls schon zur lieben Routine. Ganz locker stehen wir bereits hinten am Schlitten, loesen den Anker, zischen ab.... Die ersten Kilometer laufen wir jenen Trail, auf dem wir am ersten Tag schier um unser Leben gekaempft haben. Wir stehen locker, zippen die Anoraks zu, reden mit anderen Mushern.... Dann geht’s rein in die endlosen Waelder. Bergauf. Bergab. Bremse. Kurven. Schmale Bruecken. Runter vom vollgepackten Schlitten, um die Hunde zu entlasten. Bergauf mitlaufen. Schieben. Wolfsspuren. Kuppe! Voll mit beiden Beinen auf die Bremse. 'Vollgas' runter. Schulter einziehen. Baeume. Aeste. Kopf runter. Und durch!!!!! Herrlich! So stellt man es sich vor. Im Umkreis von 50km gibt es hier sicher keinen Menschen. Maximal ein paar scheue Woelfe, die stets auf Distanz bleiben und Elche. Die letzten Kilometer geht es entspannt ueber den letzten dick zugefrorenen See - bis wir am Ufer ein Zelt entdecken. Unser zu Hause fuer die kommende Nacht.

Sebastian Schnuelle
Nichts ist mit gemuetlichem ausruhen, hinsetzen, plaudern. Zuerst kommen die Hunde - und sonst nichts. Sie werden von den Schlitten abgehaengt, gestreichelt, liebkost, bekommen ihr Futter. Kurz: Man sagt 'Danke'. Erst dann kommen die Menschen. Ofen im Zelt heizen. Gepäck aus den Schlitten.

Bald brutzelt der Speck am Ofen, grillen die Fleischstuecke. Trotz der Minusgrade wird im Freien gegessen. Keiner will drinnen sein. Es ist die Freiheit, die Weite, die Stille, die alles ueberlagern - alles andere unbedeutend machen.

Im Zelt schaffen wir mit dem Ofen ein paar Plus-Grade. Also nehmen wir uns jeder noch einen Hund zum Kuscheln. Wie sagte doch Sebastian einige Abende zuvor....? 'Warum soll ein Hund bei minus 40 Grad hunderte Kilometer für mich rennen, wenn er nicht bei mir im Bett liegen darf?'

Sebastian Schnuelle
Das ist dann genau der Moment, wo es keinen Gedanken, nicht einen, an das Buero gibt. Wo man nicht an Business, Stress, Stau und Schulnoten der Kinder denkt. Das ist der Augenblick, wo man beginnt, mit der Natur eins zu werden. Wo man sich mehr Sorgen um die eventuell verletzte linke Hinterpfote eines Hundes macht, als um den eigenen naechsten Kontrolltermin beim Arzt. Das ist die Phase, wo ein Tier mit 17 oder 18 Kilo mehr wert ist, als alle anderen Sorgen dieser Welt. Denn dieses Tier, dieser Hund, der - und nur der - kann mich wieder aus dieser Wildnis in die Zivilisation zurückbringen.

Bisher hat allerdings jeder spaetestens am Flugplatz in Whitehorse noch sehnsüchtig zurueckgeschaut - dorthin, wo 55km entfernt Sebastians 'Blue Kennel' ist, wo man die Berge sieht. Und viele haben sich sicher ueberlegt, ob sie überhaupt noch zurueck wollen. Zurueck in den Stau, ins Buero.

Autor: Paul Cech


Text © Copyright Paul Cech / Photo Courtesy of Blue Kennel


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