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R E P O R T 1
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Wenn irgendwo die Welt zu Ende ist, dann in Circle City. Der 'Steese Highway', der von Fairbanks bis in das Dorf führt,
endet einfach im Nichts. Circle City - dieses winzige Goldgräbernest am Yukon River in Alaska mit höchstens 90
Einwohnern ist der dritte Checkpoint des härtesten Schlittehunderennens der Welt, dem 'Yukon Quest'.
Auch mein Vater Dieter Dolif (60) mit der Startnummer 19 muss hier rasten, sein Husky-Gespann den Tierärzten
vorführen und es gut füttern. Erst dann darf er wieder aufbrechen. Erst dann geht sein eisiges Abenteuer weiter.
Seit sieben Jahren trainiert er, um sich seinen größten Traum zu erfüllen.
1676 Kilometer mit dem Schlittenhundegespann quer durch die Eishölle Alaska. Von Fairbanks nach Whitehorse in
Kanada. Bis zu 40 Grad minus, Schneesturm, Bären, Wölfe. Der Kampf gegen die mächtige Natur - weit und breit
nur der Mensch und seine Hunde.
Leithund 'Dusty' will seine Ruhe. Er genießt den Zwischenstopp in Circle City, rollt sich im Schnee zusammen und
leckt sorgfältig seine Pfoten. 'Dusty' hat sich seine Pause verdient. Mehr als 400 km hat er meinen Vater und den Rest
des Hundegespannes in den ersten drei Tagen des Rennens durch die weiße Wildnis geführt. Durch Dunkelheit
und Schneegestöber, über wackelige Eisschollen und vorbei an metertiefen Eisspalten. 'Dusty' ist bei diesem
Rennen meine Lebensversicherung, sagt mein Vater. Auch er sieht mittlerweile etwas mitgenommen aus. Zehn Stunden hat er
gerade auf dem Schlitten gestanden. Seine schwarzgrau melierten Haare stehen struppig unter der roten Mütze hervor.
An seinen Wimpern hängen kleine Eisklumpen. Dünn ist er auch geworden. Den Gürtel mit den Messern für
Notfälle muss er schon jetzt zwei Löcher enger schnallen. Seine Hose ist bis zum Knie steif gefroren - ein
Teilstück der Strecke auf einem kleinen Fluß war nicht richtig zugefroren. Meine Mutter Gila (53) und ich
würden ihm gern helfen, die Hunde zu versorgen. Doch wir dürfen ihm keine Arbeit abnehmen - so schreibt es
die Rennordnung vor.
Mein Vater nimmt seinen Alkoholkocher vom Schlitten, schmeisst ihn an. 'Ich muss Schnee schmelzen, um die Hunde zu
füttern. So muss es sein, erst die Hunde dann der Mensch', sagt mein Vater und streichelt den Rest seines Teams.
Mit 14 Hunden ist er am vergangenen Samstag in Fairbanks losgefahren. Jetzt hat er nur noch zwölf Hunde vor dem
Schlitten. Der Rüde 'Ghost' hatte eine geschwollene Pfote und der neunjährige 'Sigi' war nach einem steilen
Anstieg über 2000 Höhenmeter ein wenig steif. ' Ich nehme die Hunde lieber ein bißchen zu früh
aus dem Gespann. Schließlich soll sich kein Hund ernsthaft verletzten', sagt mein Vater, 'ich komme auch mit 12
Hunden ganz gut voran.'
Der lange, einsame Weg durch die endlose Eiswüste ist gefährlich. Doch Angst hat mein Vater nicht. Nur meine
Mutter und ich machen uns Sorgen um ihn, wenn wir an den Checkpoints warten. Manchmal sehen wir ihn drei Tage nicht,
hören nur Gerüchte von den furchtbaren Dingen, die unterwegs passieren. Ein 'Musher', so nennen sich die
Schlittenhundeführer, soll von einem Elch angegriffen worden sein. Erst nach Stunden wußten wir: Das Opfer
war nicht mein Vater, sondern Jack Berry, ein anderer Teilnehmer. Und er hatte Glück, nur sein Schlitten ist
kaputt gegangen. Nicht selten zertramplelt eine aggressive Elchkuh mit Kalb auch ein paar Hunde.
Doch wenn mein Vater mit seinem Gespann unterwegs Richtung Kanada ist, sind die Gefahren vergessen. Nichts ist zu
hören außer dem Gleiten des Schlittens auf dem Pulverschnee und dem Atem der Hunde. ' In der Dämmerung
höre ich manchmal die Wölfe heulen', dagt er. 'Es ist wie im Märchen'.
Mindestens 1200 Kilometer bis zur Goldgräberstadt Whitehorse liegen noch vor ihm. Bis jetzt schlagen er und seine
Hunde sich tapfer, sie liegen im Mittelfeld. Doch entschieden ist noch lange nichts. Erst wenn mein Vater und seine Hunde
wirklich die Ziellinie überqueren, ist sein größter Traum in Erfüllung gegangen.
Copyright Nicole Dolif
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